Re: von Pontius Staubsaugus zu Pilatus (Allgemein)

Sabine, Donnerstag, 21.08.2008, 18:22 (vor 6363 Tagen) @ Astarte

Hallo Astarte,

als erstes nehme ich Dich mal tröstend in den Arm. Es ist bewundernswert, was und wieviel Du bist jetzt alles geschafft hast. Es war eben zu viel auf einmal. Ruh Dich jetzt erst mal aus.

Ein Studium ist auch schon ohne Kind und ohne kranken Freund anstregend genug. Man hat, wie Du schon sagst, nie Feierabend. Es ist nicht nur das lernen selbst, Referate vorbereiten und Seminararbeiten schreiben. Man hat nie genug gelesen, es gibt so viel Fachliteratur die man noch lesen sollte, könnte, wollte. Dazu vor allem bei wenig verschulten Studiengängen noch viel Arbeit, das Studium selbst zu organisieren. Dann muss man noch von irgendwas leben. Das ist schon so schwer genug. Kommen dann noch andere Baustellen hinzu, kann es schnell zu viel werden.

Gerade auch mit Kind. Denn Du musst Dich um Dein Kind kümmern, auch den Alltag des Kindes organiseren. Und während man, wenn man alleine ist, finanziell und aufräummäßig noch improvisieren und jonglieren kann, geht das mit Kind nicht mehr.
Auch die Zeit. Zusätzlich zu Deiner eigenen Studier-, Arbeitszeit und Wegezeit hast Du auch noch die Wegezeit, um Deine Tochter von der Schule und vom Hort abzuholen. Und ein Haushalt mit Kind macht sehr viel mehr Arbeit als einer ohne Kind. Und dann braucht Dein Kind auch Zuwendung, Du selbst natürlich auch.

Es ist unmenschlich, dass Du in eine solche Siutation geraten musstest. Denn normalerweise soll ein Studium doch Freude machen, so anstrengend es auch ist. Und ich nehme an, dass Du Dein Studium nur deshalb so lange hast durchhalten können, weil Du an Deinem Fach hängst.
Man hat Dich in eine Situation gebracht, wo Du Kindererziehung als Belastung empfindest. Dabei möchtest Du Dich doch an Deinem Kind erfreuen.

Es ist ungerecht, dass Studium/ Beruf und Kindererziehung sich so schlecht kombinieren lassen. Warum ist es ist es trotz teilweise vorhandener Angebote nicht möglich, Teilzeit zu studieren? Die Anzahl Freisemester, die man pro Kind bekommt, reicht nicht. Nicht jeder Prof hat Verständnis, wenn man eine Seminararbeit zu spät abgibt, weil das Kind krank war oder man sich um kranke Angehörige kümmern mußte.

Genau die doppelten Wegezeiten, und der Zeit für die Kindererziehung verhindern auch, Beratungsstellen aufzusuchen. Denn das bedeutet zusätzliche Wege und zusätzliche Zeit.

Jemand, der das selbst nicht so oder in vergleichbarer Form erlebt hat, kann da gar nicht mitreden. Es gibt Menschen, bei denen läuft alles glatt, die haben die optimalen Grundbedingungen und dann haben die einen Vorzeigelebenslauf. Aber das ist nicht nur die eigene Leistung, sondern auch die der Umgebung, die eine gute Basis und ein gutes Umfeld geschaffen hat.

Du kannst wirklich stolz auf Dich sein, dass Du es so lange geschafft hast. Wenn Du erst mal zur Ruhe gekommen bist, wird es irgendwie weitergehen.

Ich fühle mich mitschuldig. Du hast vor Monaten einen Hilferuf hier ins Forum gesetzt und geschildert, wie sehr Dir die Situation mit Studium, Kindererziehung, kranker Freund, Mess und Umzug über den Kopf gewachsen sind. Obwohl mich Dein Posting berührt hatte und mir einige Dinge durch den Kopf gegangen sind, habe ich nicht geantwortet. Ich habe zwar viel mit meinen eigenen Real-Life Aufgaben und Problemen zu tun. Doch die Zeit hätte ich mir nehmen können.

Kannst Du aus dem Studienabbruch nicht eine Studienunterbrechung machen? Den Tipp wollte ich Dir damals schon geben. Hätte ich es doch getan. Denn eine Studienunterbrechung ist nicht entgültig.
Noch ist es dafür nicht zu spät. Vielleicht denkst Du durch Deine momentane Überlastung: um Gottes willen, nie wieder. Aber ich lese aus Deinen Zeilen auch heraus, dass es Dich wurmt, dass Du so kurz vorm Ziel aufgeben musst. Mit einer Studienunterbrechung läßt Du Dir die Entscheidung offen, später entgültig abzubrechen oder Dein Studium doch noch abzuschließen.
Zum jetzigen Zeitpunkt kannst Du die Exmatrikulation noch rückgängig machen. Das Semester hat auch noch nicht begonnen. Eine Freundin war auch schon mal exmatrikuliert weil sie durch bestimmte Umstände die Rückmeldegebühren nicht rechtzeitig überweisen konnte, bzw. bei der Überweisung was schief gelaufen war. Die Freundin ist zum Studierendensekretatriat gegangen und hat die Sache klären können, so dass die Exmatrikulation rückgängig gemacht wurde. Und so studiert sie heute noch.
Dies schreibe ich Dir, um Dir Mut zu machen und um Dir einen möglichen Ausweg zu zeigen. Du kannst direkt zum Studierendensekretariat gehen und ein Urlaubssemester beantragen (wegen Krankheit, Kindererziehung oder Betreuung eines kranken Angehörigen). Eine Krankheit kannst Du mit einem Attest vom Hausarzt belegen, das dürfte bei Deiner momentanen Überlastung kein Problem sein. Du kannst auch erst, oder zusätzlich, zu Beratungstellen an der Uni oder vom Asta gehen. Beim Asta gibt es meist Beauftragte für Studierende mit Kind und/ oder für Studierende in sozialen Notlagen. Von der Uni selbst bietet sich die allgemeine Studienberatung an, die Sozialberatung oder die Beratungsstelle für Studenten in psychischen Notlagen. Eventuell auch der Careerservice (um auszuloten wie Du mit dem Studienabruch, bzw. der Studienunterbrechung umgehen kannst).

Nimm alle Hilfe Du du kriegen kannst. Du hilfst damit auch anderen. Denn je mehr Leute an der Alarmglocke ziehen, desto mehr wird deutlich, dass Studierende mit Kind und Studierende mit kranken Angehörigen Hilfe und Verständnis brauchen. Diese Hilfe kann schon so aussehen, dass man die Zeit fürs Studium bekommt die man braucht. Und dass sich dies auch in den Köpfen der Menschen außerhalb der Unis reinfindet, dass sie vertehen, dass ein Studium dann eben länger dauert und dass Personalchefs verstehen, warum der Lebenslauf so und nicht anders aussieht.

Vielleicht denkst Du: um Himmels Willen, jetzt auch noch zum Sekretariat und zur Beratung. Das ist Zeit und Mühe, die Du jetzt investieren mußt. Denk auch daran, wie groß die Erleichterung ist, wenn die Exmatrikulation zuürckgenommen wird und umgewandelt ist in ein Urlaubssemester. Dann hast Du alle Zeit der Welt, Dich auszuruhen, nachzudenken und zu einem späteren Zeitpunkt, wenn es Dir wieder gut geht, eine Entscheidung mit klarem Kopf zu treffen.

Wichtig ist hier auch die Umstellung auf die neuen Studiengänge zu beachten. Ich nehme an, dass Du noch auf Diplom oder Magister studierst. Wenn Du Dich beurlauben läßt und später (wenn es Dir wieder besser geht) Dein Studium fortsetzt und abschließt, kannst Du dies noch nach Deiner Studienordnung und dem vorgesehen Abschluß machen. Sonst wird es Bachelor, und er ist doch nur ein Diplom-Light. Und nicht jeder wird danach zum Master zugelassen. Es gibt dann noch Fristen, wie lange man noch die "alten" Abschlüsse bekommt. Nur die Ruhe. Denn hierbei gilt: rechtzeitig wissen und planen zu können und Wege offen zu halten beruhigt viel mehr als die Dinge im ungewissen lassen.

Woran ich auch gedacht habe ist, dass Du eventuell reif bist für eine Mutter-Kind-Kur. Vielleicht ist dies sogar möglich. Die Kassen lehnen zwar immer erst ab, viele die Widerspruch einlegen, bekommen die Kur dann doch. Die Krankenkassen spekulieren darauf, dass die Leute zu schnell aufgeben und/ oder nicht den Mut und die Energie haben, um Widerspruch einzulegen.

Ich bin der festen Meinung, dass es für "alleinerziehende, berufstätige Mütter" nicht funkionieren kann OHNE dass man psychische Schäden nimmt. Dann kommen eben meist noch andere Sorgen hinzu, und die Depression und Resignation bleibt langfristig nicht aus.
Dieses ganze System hat schwerwiegende Fehler! Bei so einer Politik wird mir mittlerweile speiübel! Und auch wie es sich bereits in den Köpfen der Menschen verankert hat. Die Erwartungen und Ansprüche, die unser lieben Mitmenschen haben.

O ja, das regt mich auch so auf. Da hilft nur, einerseits nicht mitmachen, aber andererseits auch wehren, damit es nicht schlimmer wird. Jedes kleine Nein hilft schon. Denn keiner weiß von anderem, der sich auch gerade mit einfachen bescheidenen Mitteln wehrt. Und so können viele kleine Neins am Schluß doch etwas bewirken. Wichtig ist es, dass man seine Rechte kennt und sie einfordert.

Zum Haushalt fällt mir noch ein: wenn Dein Tochter zur Schule geht, ist sie alt genug um Dich bei kleinen Aufgaben zu unterstützen. Zum Beispiel Abtrocknen, Staub wischen, Wäsche zusammenlegen. Das eigene Zimmer (mit anfangs Deiner Anleitung) aufräumen, vor dem Staubsaugen rumliegende Sachen aufheben. Deine Tochter wird später, wenn sie erwachsen ist und einen eigenen Haushalt hat, froh sein, diese Dinge nebenher gelernt zu haben.

Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und Energie und alles gute für Deine Zukunft und die Deines Kindes.

Grüße, [image]
Sabine


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