Therapie und Hausbesuche (Allgemein)

Medea, Montag, 23.02.2009, 00:16 (vor 6177 Tagen)

Hallo Ihr Lieben,

ich mache mir gerade viele Gedanken und möchte hier etwas sortieren und Klarheit gewinnen.

Vor kurzem haben wir (meine beiden Töchter 16 und 12) und ich eine Familientherapie begonnen. Es handelt ich dabei um eine Drogentherapie um meine cannabiskonsumierende Tochter in eine andere Richtung zu lenken.
Da ich in meiner Jugend selber viel gekifft habe, somit selber ein Thema damit habe, stehe ich dem Ganzen eher hilflos gegenüber und habe für mein Empfinden einerseits zu viel Verständnis dafür, was sie natuerlich toll findet, andererseits zu wenig Durchsetzungskraft ihr meine Sorge um sie klar zu machen.
Die Therapiestunden tun auch mir sehr gut, ich werde immer klarer Bezüglich meines Standspunktes und meiner Verantwortung als Mutter.

Nun wird auch die jüngere Tochter mit einbezogen. Bisher waren nur die Grosse und ich eingeladen zum Gespräch.
So schlug die Therapeutin vor, sie könne auch mal ein Hausbesuch machen um die Jüngere kennenzulernen.
Wie nun darauf antworten? Auf keinen Fall, schrie es in mir. Die Fassade wahren und bloß keine Panik nach außen zeigen... Sekunden des Schweigens vergingen... zu meiner Erleichterung fügte sie dann hinzu: „Oder sie kommt erst mal mit hier her.“ Worauf hin ich gleich einging.
Hach wie ich so Situationen hasse.

Der momentane Zustand der Wohnung ist wieder so, dass ich niemanden reinlassen würde. In der Küche ein Chaos ohne Gleichen. Die Kinderzimmer einigermaßen. Mein Zimmer: heute endlich bissl aufgeräumt, doch noch lange nicht bereit jemanden von draussen rein zu lassen.

Momentan stehe ich eh unter völligem Stress. Viel Arbeit in unserer Filiale (Einzelhandel), etliche Kollegen krank, an freien Tagen suche ich Ämter auf, weil wir nun (endlich) aus Hartz4 rausfallen und nun mehr Kindergeld und Wohngeld bekommen.... wenn der Antrag erst mal durch ist (hab geradet erst mal allen Papierkram abgegeben). Bis dahin dafür sorgen dass das Jobcenter (JC) noch weiterhin zahlt.
Dann hab ich Überzahlungen ans JC zurückzuzahlen, was alles ziemlich wirr ist und ich absolut nicht durchsteige und nun eine Rechtsanwältin hinzugezogen hab, die nun so einiges nachrechnet und prüft ob auch alles seine Richtigkeit hat... und all das sind endlos viele Gänge (Rechtsberatungshilfeschein beim Amtsgericht beantragen etc).
Ich weiss grad nicht wo mir der Kopf steht.

Und nun die Therapeutin reinlassen?

Wovor habe ich Angst?

Ich weiss keinen Grund ihr zu sagen, warum ich keinen Hausbesuch will, ohne mich zu outen und ohne dass es misstrauen weckt, was hier wohl abgeht. *Heulenkönnt

Dann sagt mir meine Tochter, dass sie der Therapeutin einfach sagt, ein Hausbesuch besser nicht zu machen, weil es bei uns oft unordentlich ist und mich so Besuche sehr anstrengen.
Puh! Einerseits klingt es halb so wild wenn sie das so sagt, doch der Gedanke daran, wenn die Therapeutin mich später daraufhin anspricht... ist wie sterben. Herrjee hat mich das Thema gerade wieder arg am Schopf.

Meine Tochter kann verstehen, dass ich nicht möchte dass sie ihr das sagt.

Andererseits denke ich auch, dass es doch irgendwie zwischen uns steht, sie vertraut der Therapeutin, ich glaube auch dass ich ihr vertrauen kann, doch geht mir das zu schnell. Wir arbeiten noch nicht lange zusammen, die Therapie begann vor 2 Wochen, doch ich weiss nicht, wie ich nun damit umgehen soll.

Doch bis dahin muss die Wohnung Top sein, doch bis das geschafft ist um hier solch eine Instanz reinzulassen...hmm
Ich bin sicher auch sehr streng mit mir (vielleicht ZU streng?) und es müsste laut meinen Anspüchen hier blitzen und pikobello sein.

An diesem Punkt denke ich leider noch ziemlich schwarz-weiss... also entweder das chaos oder perfekte ordnung. Ich arbeite dran.

Vielleicht oute ich mich tatsächlich vor ihr und lade sie ein, das weiss ich jetzt noch nicht.

Donnerstag ist der nächste Termin in der Praxis. Bis dahin hab ich hoffentlich mehr Klarheit diesbezüglich.

Ich danke euch fürs zuhören/lesen.

LG
Medea

Re: Therapie und Hausbesuche - vielleicht hilfts aber auch

Xandria, Montag, 23.02.2009, 08:01 (vor 6177 Tagen) @ Medea

Hallo Medea

sag es ihr doch genau so:

Der momentane Zustand der Wohnung ist wieder so, dass ich niemanden reinlassen würde. In der Küche ein Chaos ohne Gleichen. Die Kinderzimmer einigermaßen. Mein Zimmer: heute endlich bissl aufgeräumt, doch noch lange nicht bereit jemanden von draussen rein zu lassen.
Momentan stehe ich eh unter völligem Stress. Viel Arbeit in unserer Filiale (Einzelhandel), etliche Kollegen krank, an freien Tagen suche ich Ämter auf, weil wir nun (endlich) aus Hartz4 rausfallen und nun mehr Kindergeld und Wohngeld bekommen.... wenn der Antrag erst mal durch ist (hab geradet erst mal allen Papierkram abgegeben). Bis dahin dafür sorgen dass das Jobcenter (JC) noch weiterhin zahlt.

Da ist es doch verständlich, wenn der Haushalt hinterherhinkt!

Außerdem wenn du keine verrottenden Lebensmittel und anderen Müll hortest, können sie dir doch eigentlich gar nix.

Ich nehm mal an, du bist alleinerziehend und hast es jetzt auch noch geschafft, aus H4 rauszukommen. Glückwunsch! Da muss man sich ja erstmal wieder neu sortieren, neue Strukturen schaffen.

Meine Freundin, die jetzt wieder eine Schule besucht, ist froh, dass ihr Ehemann jetzt den Haushalt schmeißt, sonst "würde es hier noch lange nicht so ordentlich aussehen, wie es aussieht."

LG Xandria

Re: Therapie und Hausbesuche - vielleicht hilfts aber auch

Medea, Dienstag, 24.02.2009, 09:46 (vor 6176 Tagen) @ Xandria

Danke Odille und Xandria,

danke euch, ich stimme euch beiden zu. Vermutlich kann ich eh nicht anders als offen und ehrlich zu sein, brauche wahrscheinlich nur etwas Zeit. Sie kam ja von der ersten Stunde immer wieder mal mit dem Satz uns auch mal Zu Hause zu besuchen. Da war meine erste Reaktion immer gleich Panik.

Vielleicht ist für mich das Chaos die Schutzmauer und Hilfsoption zum 'Nein sagen' in mein Reich zu dringen. (in Kindheit sex. missbrauch erlebt)... der Gedanke kam mir grad.
Nur dass sich die Schutzmauer nicht nur an vermeidliche Täter sondern auch gegen alle anderen richtet.
Oder ich empfinde jeden der eindringt als Täter...hmm meine Gedanken gehen mir nun zu weit in eine Richtung, die ich grad nicht zulassen will oder mich weiterzuspinnen trau... doch ich befürchte es spielt alles mit hinein.

In jedem Fall bringt die Therapie und das Angebot (denn nichts anderes ist es) uns zu Hause zu besuchen, so einiges in Bewegung und das kann letztlich nur gut sein.

LG
Meda

Re: Therapie und Hausbesuche

Odille, Montag, 23.02.2009, 11:16 (vor 6177 Tagen) @ Medea

Liebe Medea,

ich kann Dir nur sagen, was ich an Deiner Stelle machen würde

(erstmal: Klasse, dass Du Dich auf eine familientherapeutische Behandlung einlässt und klasse, dass Deine andere Tochter auch mit einbezogen wird - sie ist ja schliesslich auch ein Teil dieser Familie) - aber da schliesst sich auch schon der Kreisbogen: das Wohnungschaos ist zumindest momentan auch ein Bestandteil der Familie und findet vielleicht eher seinen Abschluss, wenn Du diese Problematik in die Gesamtproblematik, die besprochen und bearbeitet wird, mit einbeziehst - denn de facto IST sie ja auch ein Teil des Problems.

Und ich glaube kaum, dass eine Familientherapeutin eine "Instanz" ist, für die alles pico bello sein muss. Sprich offen mit ihr darüber. Du musst sie ja nicht zu Hause reinlassen, wenn es Dir unangenehm ist - das ist eben eine persönliche Grenze, die Du setzt und die sie respektieren muss - aber ich würde im Focus auf den gewünschten Therapieerfolg eben auch ganz ehrlich darüber sprechen, warum das nicht geht.

Lieben Gruss, Odille [image]

Re: Therapie und Hausbesuche

BigBird, Dienstag, 24.02.2009, 12:27 (vor 6176 Tagen) @ Medea

Weißt Du, wie das für mich klingt? Wie ein Alkoholiker, der verspricht, zum Therapeuten zu gehen, sobald er mal nüchtern ist.

Familientherapie ist deswegen, weil das problem oft nicht das ist, was es oberflächlich zu sein scheint. Das Problem ist nicht Deine Tochter, die Drogen nimmt. Das hat noch nicht mal was damit zu tun, daß Du früher welche genommen hast (es sei denn, Du hättest sie dazu ermutigt). Es hat mit ihrer Rolle und ihrem Platz in der Familie zu tun, damit, wie sie sich selbst sieht, wie ihr sie seht, und wie sie mithilft, die Familie zusammenzuhalten. Und auch wenn Dir die Unordnung peinlich ist - vielleicht ist sie ein Puzzlestein, der zum Gesamtbild gehört, warum Eure Familie als ganzes so ist, wie sie ist. Das hat nichts mit Schuld zu tun, bitte nicht falsch verstehen. Es gibt einfach manchmal Verhaltensweise oder Einstellungen, die sich gegenseitig fördern. Und es wäre doch gut, wenn der Therapeut den kompletten Überblick bekommt, um Euch allen helfen zu können.

Viele Grüße,
Christine

An BigBird

Medea, Mittwoch, 25.02.2009, 00:54 (vor 6175 Tagen) @ BigBird

hi Christine,

dank dir für deine Worte und du sagst mir damit nichts, was mir noch nicht bewusst ist.

Aus eigener Erfahrung mit meinem Alkoholkranken Ex weiss ich sehr genau von süchtigen und co-süchtigen Verhaltensweisen innerhalb der Familie. Und weil ich nie meine Tochter als DAS Problem ansah oder ihren Konsum,(sehe das eher als Symtom und nahm es zum Anlass zur Handlung) habe ich die Familientherapie gewählt, wohl wissend dass die Lösung immer im ganzen Familiengefüge zu finden ist
ich schreibe hier um Klarheit zu gewinnen in meinem aktuellen Prozess, ob ich mich auch auf dem Gebiet der Therapeutin öffnen will oder nicht und auch durch die respektvolle Art in Odille und Xandria 's Antwort fühlte ich mich ermutigt das zu tun, was sich für mich richtig anfühlt.

Deine Worte wirken auf mich eher belehrend und finde es arrogant zu wissen was gut für andere ist ohne nähere Hintergründe zu kennen (und selbst MIT dem Wissen der Geschichte halte ich es für sehr gewagt).

Lies vielleicht erst mal den Thread im Ganzen bevor du deine Interpretation loswirst, dann hättest bemerkt dass ich längst bereit war mich der Therapeutin gegenüber zu öffnen.

Gruss
Medea

Re: Therapie und Hausbesuche

Sabine, Mittwoch, 25.02.2009, 20:24 (vor 6175 Tagen) @ Medea

Hallo Medea,

Es ist gut und bewunderswert, dass Du Dich zu der Familientherapie entschlossen hast. Dass Du die Therapeutin nur ungerne in Deine Wohnung läßt, ist sehr gut verständlich. Damit hätten auch viele Cleanies Probleme. Denn die Wohnung ist ein wichtiger Rückzugsort, da läßt man nicht jeden rein. Außerdem werden in einer Therapie gerade vor allem unangenehme Dinge bespochen und die damit verbundenen Gefühle läßt man lieber (gefühlt-symbolisch) im Zimmer des Therapeuten zurück.

Bei Dir kommt auch noch die Unordnung dazu. Wie andere Messies hier im Forum schon sagen, ist es in Deiner Situation normal, dass Dinge liegen bleiben. Du bist berufstätige alleinerziehende Mutter, dazu wegen der Hartz IV Regeln trotz Berufstätigkeit noch bewerbungspflichtig. Dazu kommt noch der immense Papierkrieg mit der Arge, Formulare ohne Ende, der ganze Papierkram muss nicht nur bearbeitet sondern auch sorgfältigst abgeheftet werden. Dazu der Stress, dass die Arge den kleinsten Fehler strengstens bestraft. Und Deine Tochter braucht wegen ihrer Drogensucht zur Zeit auch noch besondere Zuwendung und Hilfe. Kein Wunder dass da einiges in Deiner Wohnung liegen bleibt. Es ist bewunderswert, was Du alles geschafft hast und dass Du in dieser schwierigen Situation auch noch aus Hartz IV wieder rausgekommen bist.

Deine Therapeutin wird es verstehen, dass Du sie nicht in die Wohnung lassen möchtest. Vielleichst ist es eine Chance, dass Du mit Ihr über alle Sorgen und Probleme sprechen kannst. Und auch über die Gefühle und alten Wunden, an die Du denkst, in dem Moment wo sie vorschlägt, Dich zu besuchen und warum Du meinst, Dein Chaos als Schutzwall aufgebaut zu haben.

Wenn Deine Tochter den starken Wunsch hat, mit der Therapeutin über das Chaos in der Wohnung zu sprechen, kollidiert dies mit Deinem Wunsch, dies zu verbergen und zu verschweigen. Da Du selbst auch lieber eine aufgeräumte Wohnung hättest, kann man, ohne Dir einen Vorwurf zu machen (der Tag hat nur 24 Stunden, Du tust was du kannst), davon ausgehen, dass Deine Tochter unter dem Zustand der Wohnung leidet. Wenn die Therapie für Deine Tochter erfolgreich sein soll, wäre es wahrscheinlich besser, wenn sie mit der Therapeutin darüber reden kann. Denn Deine Tochter hat niemanden sonst (außer Dir und Deiner anderen Tochter) um darüber zu reden. Ich nehme an, dass sie wahrscheinlich aus Loyalität bisher mit niemanden außerhalb darüber geredet hat.
Für Dich kann es eine Chance sein, dass Du durch Deine Tochter mehr oder weniger gezwungen bist, mit der Therapeutin über das Thema chaotische Wohnung zu reden. Obwohl richtig gezwungen bist Du nicht, auch wenn Deine Tochter fortan bei jeder Therapiesitzung darüber reden würde, kannst Du Dich immer noch dazu entscheiden, für Deinen, nur Dich selbst betreffenden Teil, nicht darüber zu reden. Eine gute Therapeutin respektiert das und richtet sich nach Deinem Tempo (und dem Deiner Töchter). Und es ist immer gut daran zu denken, dass die Therapeutin Schweigepflicht hat. Dir kann also nichts passieren. Das ist natürlich leicht so dahergeschreiben, selbst betroffen sein ist eine ganz andere Sache. Ich möchte Dir Mut machen. Gerade dafür ist eine Therapie doch da, dass man Sorgen und Probleme anprechen kann, worüber man mit (beinahe) niemanden sonst reden kann, um an einer Lösung und für eine bessere Zukunft zu arbeiten.

Ich wünsche Dir und Deinen Töchtern alles Gute und viel Erfolg mit der Therapie.

Grüße,
Sabine

powered by my little forum